
26.04.2011, 10:36 Uhr | Kurt F. de Swaaf für spiegel-online
In Deutschland gibt es immer weniger Feldhasen (Foto: imago)
Einst war der Feldhase einer der häufigsten Bewohner offener Landschaften. Doch mittlerweile ist er vielerorts kaum noch zu finden. Naturschützer, Biologen und Jäger versuchen das zu ändern - und stellen dabei fest, wie wenig sie über die Lebensgewohnheiten der Tiere wissen.
Die Nacht scheint ruhig. Im Nordosten reflektiert der wolkenverhangene Himmel das Licht der Großstadt Basel, unten im Tal glühen gelblich Laufens Straßenlaternen. Die Landschaft wirkt wie ausgestorben. Aber sie ist es nicht. Darius Weber zielt mit seiner Wärmebildkamera über die Wiese hinweg in Richtung Waldrand. Auf dem Bildschirm erscheinen schemenhaft Bäume und Zaunpfähle - und ein hell leuchtender Punkt. Ein Tier. Entfernung: rund 200 Meter. "Wahrscheinlich ein Fuchs", sagt Weber. Er klingt fast enttäuscht. Das kleine Team aus zwei Biologen und zwei Studentinnen ist nicht wirklich an Rotpelzen interessiert. Man sucht Hasen, genauer gesagt Junghasen, die sich hier irgendwo in der sanft hügeligen Ackerlandschaft des Laufener Beckens am Rande des Schweizer Jura verstecken sollten. Schließlich ist es Ende März, die Fortpflanzungssaison hat längst begonnen. Und wo erwachsene Hasen leben, das müsste auch ihr Nachwuchs zu finden sein. Eigentlich.
Doch die jungen Hüpfer machen sich rar. Darius Weber, sein Assistent Nicolas Martinez und die Praktikantin Sarah Hummel sind mit ihrer Spezialkamera auf die Ladefläche eines offenen Kleinlasters geklettert. So haben sie einen besseren Überblick, können von oben in die Felder hineinschauen. Muriel Perron fährt. Der Wagen schaukelt im Schleichtempo einen Feldweg entlang. In einer Obstwiese zeigt die Kamera erneut einen hellen Fleck. Weber schüttelt den Kopf. "Das ist zu viel Licht für einen Junghasen." Vermutlich ein ausgewachsenes Exemplar. Das Tier bewegt sich einige Meter, kommt näher und setzt sich dann aufrecht. Weber schaltet seinen Handscheinwerfer ein. Am Ende des Lichtkegels erscheint etwas Hellbraunes. In der Tat, ein Hase. Seine Ohren sind gut erkennbar. Stören lässt sich das Tier nicht. Er bleibt einfach sitzen.
In Deutschland häufen sich die Fälle von "Animal Hording" wie hier in Berlin. Die überlebenden Tiere wurden ins Tierheim gebracht. zum Video
Nach den Berechnungen von Darius Weber und seinen Kollegen müsste das gut 900 Hektar große Gebiet östlich der Kleinstadt Laufen 30 bis 75 Feldhasen beherbergen. Doch die sind nicht zu entdecken. "Wir sehen nur etwa 20 Prozent der erwachsenen Tiere", erklärt Weber. Ohnehin sei die Population zu klein, sagt der Wissenschaftler - rund fünf Hasen pro Quadratkilometer. Früher, während den Vierzigern, dürften es zehn-, zwanzigmal so viele gewesen sein. Damals erlegten Jäger im Kanton Basel Land jährlich bis zu 2300 Hasen. Ende der Sechziger waren es nur noch wenige hundert. Eine Erholung hat es seitdem nicht gegeben. Die Zahlen aus der Nordwestschweiz sind symptomatisch für viele Regionen Europas: Der Feldhase, Lepus europaeus, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten rar gemacht.
Nur warum eigentlich? Als Verdächtige sind die industrialisierte Landwirtschaft, der zunehmende Straßenverkehr, Landschaftszersiedlung, Krankheiten und Raubtiere im Gespräch. Eindeutige Beweise fehlen jedoch.
Im Basler Land versucht man derweil, den Trend umzukehren. Dort startete 2008 das Projekt "Hopp Hase". Initiatoren sind zwei Naturschutzvereine und der regionale Jagdverband. Man hat sich zum Ziel gesetzt, neue Strategien für den Hasenschutz zu entwickeln und anzuwenden. Keine einfache Aufgabe. Die Langohren machen es der Forschung nämlich schwer. Vor allem über die Fortpflanzung des Feldhasen ist nur erstaunlich wenig bekannt. Die Häsinnen bringen ihre Jungen in aller Heimlichkeit zur Welt - irgendwo im freien Feld, nicht in einer Höhle, wie es die Wildkaninchen tun. Bislang ist es kaum einen Menschen gelungen, Zeuge einer Feldhasengeburt zu werden. Einmal auf der Welt ist dann weiter Unauffälligkeit oberstes Gebot für die kleinen Hasen. Die ersten drei Wochen ihres Lebens verbringen sie weitgehend regungslos, versteckt unter Pflanzenbüscheln oder in kleinen Erdmulden.
Den ganzen Tag lang ist der Nachwuchs auf sich gestellt, allein und schutzlos. Die Tarnung ist praktisch die einzige Überlebensstrategie. Neugeborene Hasen verströmen nicht mal einen eigenen Duft. Alles, was sie verraten kann, wird vermieden.
Die Häsin besucht ihr Junges nur nach Einbruch der Dunkelheit. Pro Nacht wird ein einziges Mal gesäugt. Das muss reichen. Und das tut es auch. Hasenmilch ist extrem nahrhaft, erklärt Darius Weber. Der Fettgehalt liegt bei etwa 20 Prozent. Die gehaltvolle Kost sorgt für schnelles Wachstum. Die Jungtiere nehmen täglich bis zu 30 Gramm zu.
Eigentlich ist der Feldhase eine überaus fruchtbare Spezies. "Häsinnen sind ständig trächtig", sagt Weber. Nur von Oktober bis Ende Dezember ist Pause. Ein weibliches Tier bringt jährlich bis zu 15 Junge zur Welt. Dennoch gibt es beim Nachwuchs anscheinend Probleme. Neuere Studien haben gezeigt, dass es den erwachsenen Hasen zumindest im Basler Land gut geht. Ihre Sterblichkeit ist gering, es gibt genug Nahrung, und sie werden inzwischen auch nicht mehr von Jägern geschossen.
Trotzdem überleben nur wenige Jungtiere. Warum? Weber und sein Team versuchen diese Frage zu klären. "Wir wollen die Junghasen schützen. Aber wie soll das gehen, wenn wir nicht wissen, wo sie sind?" Deshalb kommt die Wärmebildkamera zum Einsatz. Diese "thermographische Junghasensuche" genannte Methode wurde vom deutschen Zoologen Ulrich Voigt für Studien in Niedersachsen entwickelt. Nun wird sie erstmalig auf eidgenössischem Gebiet getestet. Voigt hat seine Schweizer Kollegen vor wenigen Tagen trainiert. Man wurde dabei prompt fündig. In der Nähe von Reinach spürten die Biologen an einem Abend gleich drei Junghasen auf.
Die Suche geht weiter. Der Wagen rollt auf einen verlassen wirkenden Hof zu. Schrottautos, Bauschutt, Brennholz. Im nächsten Acker erscheint wieder ein Lichtpunkt. Kleiner diesmal, näher und schwächer leuchtend. "Stopp." Die Forscher steigen ab und pirschen sich heran. Der Punkt bewegt sich sprunghaft. Und zu schnell, meint Nicolas Martinez. Junghasen flüchten nicht. Weber knipst den Scheinwerfer an. Eine winzige Maus hüpft verschreckt zwischen den Saatreihen herum. In ihrem Fell funkeln Tautropfen.
Es ist feuchter geworden. Bei Nebel oder Regen funktioniert die Wärmebildkamera nicht, erklärt Martinez. Das Wasser schluckt die Infrarotstrahlung. Heute wird bis ein Uhr nachts gesucht. Erstaunlich, wie viel Getier hier unterwegs ist. Noch mehr Mäuse, ausgewachsene Hasen und rudelweise Rehe. In einer Hecke sitzt eine überrascht herunterschauende Schleiereule. Doch nirgendwo ein Junghase.
Man will, so Darius Weber, deren "Schicksal verfolgen". Wahrscheinlich lasse sich nur so das Rätsel der Kleinhasen-Sterblichkeit lösen. Später sollen dann sogar Jungtiere mit einem Miniatur-Peilsender ausgestattet werden. Der könnte dann mehr über das Schicksal der kleinen Hasen verraten - auch, ob sie vielleicht einfach besonders schnell gefressen werden. Denn Räuber interessieren sich vor allem für Leckerbissen in der Nähe von Feldrändern, Wegen oder ähnlichem. Eine intensivere Jagd auf die Räuber darf jedoch nicht die Lösung sein, meinen Vertreter von "Hopp Hase". Ein Feldhase sei schließlich nicht mehr wert als ein Hermelin oder ein Fuchs. Die Hasenschützer wollen andere Wege gehen, womöglich andere Landschaftsstrukturen schaffen, um die Beutegreifer abzulenken. Elektrozäune sollen unbeaufsichtigte Hunde fern halten. Irgendwann gibt es dann hoffentlich wieder reichlich Langohren. Der Feldhase als alltägliche Begegnung bei Spaziergängen - und nicht bloß ein Phantom, so wie auch heute Nacht.
Sie hätten gerne einen Hund? In unserem interaktiven Dog-Check können Sie testen, welcher Hund zu Ihrem Lebensstil passt. Machen Sie den Dog-Check
Quelle: Spiegel Online
Luna schrieb:
am 14. Mai 2012 um 14:51:29
(0)
(0)
Hasen
Das ist alles nur die Schuld der Menschen!!! =-(((
Kommentar melden
Johann schrieb:
am 21. Juni 2011 um 01:44:12
(1)
(0)
Richtiger Weg
Ich finde es gut, dass das Projekt "Hase Hopp" nach den Ursachen forschen will und nicht die Beutegreifer, wie so
manche Zeitgenossen, die nur jagdliche Ziele haben, verteufeln. Naturschutz beinhaltet das gesamte Ökosystem. Beutegreifer können nicht für das umweltzerstörende Verhalten der Gesellschaft verantwortlich gemacht werden. Beutegreifer und Hasen haben millionen von Jahren zusammengelebt. Die gewaltige Umweltzerstörung gibt es erst seit der Industriealisierung.
mehr
Kommentar melden
Rene schrieb:
am 20. Juni 2011 um 22:58:20
(1)
(1)
Feldhasen
Schuld an dem Aussterben der Feldhasen ist der Mensch selbst, vertreten durch die Jägerschaft. Die Knallen alles ab was nicht Niet
u. Nagelfest ist. Auch hier in den Rheinniederungen wo es früher viele Fasanen gab, gibt es keine mehr. Die wurden ebenfalls, wie die Feldhasen rücksichtslos abgeschossen. Die faule Ausrede dieser schießwütigen Gilde " Dieses Wild würde auf den Straßen den Verkehr gefährden ". Da wird nichts gehegt und gepflegt, nur noch abgeschossen. Ade Natur.......
mehr
Kommentar melden
Bitte füllen Sie alle Felder aus.

Sie sind der Meinung, dass dieser Kommentar anstößige Inhalte enthält.

Die neue Frühlingskollektion von Topmarken: tolle Schuhe, Mode u.v.m. - Versand gratis. mehr
Testsieger-Patronen für Marken-
drucker im TÜV-geprüften Online-
Shop kaufen. mehr
Nur für kurze Zeit: luftige Sommer-
kleider u.v.m. bis Gr. 58 versand-
kostenfrei bestellen! zum Special
Nie wieder offline - mit dem Smart100 endlos in besten D-Netz unterwegs. von congstar.de